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26. März 2006

: deutschland ist bärenland_oder_alles wird knut










zum zoo berlin: eisbär knut








zu wikipedia: der eisbär








zu spiegel online: 530 neue todeskanidaten auf roter liste








zum tagesspiegel: wer ist knut?








zu n24: eisbär knut
gibt sich die ehre

Ich wollte es ignorieren, nicht wahrhaben. Mir war es knutegal: Es gibt doch Wichtigeres! Dann jedoch wehte mir ein Beitrag im Deutschlandradio das Thema auf den Frühstückstisch: Dieses Eisbärbaby im Berliner Zoo ist derzeit eines der Topnachrichten. Ich recherchierte und verstand wie bemerkenswert, wie bedeutungsvoll der kleine Kerl für den Naturschutz ist.

So schnell ging das also: Die letzten Diskussionen über unseren deutschen Bären Bruno und sein Ende durch eine Gewehrkugel sind noch nicht beendet, da fiebert das Land wieder mit dem Schicksal eines Mitgliedes der Gattung Ursus auf deutschem Boden. So freuen sich Tierfreunde und Naturschützer der öffentlichen Aufmerksamkeit, die dem Bären zuteil wird. Wurden doch jüngst seine wildlebenden Artgenossen in die Rote Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN trauernd aufgenommen. Unbekannt, wie anpassungsfähig sich Eisbären langfristig zeigen, aber nach derzeitigem Wissensstand wird diese Tierart mit dem Abschmelzen des polaren Eises vollständig den Boden unter den Branken verlieren.

            „Ganz Deutschland liebt Knut“
Die deutsche Öffentlichkeit hängt an seinem Schicksal wie an einer Sitcom im Big Brother Verschnitt. Für die im letzten Jahr ständig gestiegen Sendezeiten von tagtäglichen Zooreportagen scheint Knut die Krönung der medialen Inszenierung zu sein. Ein Bärenbaby verkörpert das Kindchenschema schlechthin und ist unpolitisch, unschuldig, wertfrei: eine Goldgrube für jedes Medienunternehmen. Stecken dahinter vielleicht die Marketingstrategen von ProSieben-Sat1 und haben in einer künstlichen Befruchtung bei Nacht-und-Nebel für den ersten Eisbärennachwuchs im Berliner Zoo seit 33 Jahren gesorgt? Wurde er anschließend mit fremden Gerüchen derart verstänkert, dass die böse Mutter Knut nicht annahm und den Startschuss zur Medienschlacht gab: Pfleger Thomas nimmt sich aufopferungsvoll dem verstoßenen Knuddel-Knut an.

            Cute Knut
500 Journalisten und 100 Kamerateams observierten Knuts ersten Tag im Freigehege, damit kein Rülpser des Bärenbabys undokumentiert verklingen würde. Alles nur ein Mediencircus? Stars in der Manege – doch statt Roberto Blanco beim Elefantenritt demnächst Knut als moderner Tanzbär? Statt „Germany’s Next Top-Model“ bald „Germans next Zoo-Darling“: Dresseure die Tieren komplizierte Tricks beibringen, die sie in einer Samstagabend Show dem TV-Millionenpublikum präsentieren müssen. Wer kann den lustigsten Purzelbaum? Wer kann am niedlichsten Glucksen? Und bloß nicht auf die Bühne kacken! Nur eines würde den Tieren erspart bleiben: aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse werden sie sich nicht die Kommentare einer Prominenten"jury“ a la D. Bohlen oder H. Klum zu Herzen nehmen müssen. Obwohl eventuell die Gefahr besteht, dass ein Menschenaffe D. Bohlens atonale Äußerungen als Brunftschreie deuten könnte. Hoffentlich ist ein Silberrücken dabei, der ihn ruhig stellen wird!





























to the iucn:
red list of threatened species







to the polar bear
specialist group







zum bund: klimaschutz -
eisbären sind bedroht







zu greenpeace: eisbär und flusspferd vom aussterben bedroht







zum wwf: eisbär bald ohne scholle







zum nabu: eisbären in der klimafalle


       Alles wird Knut
Wird Knut als Animal-Star in den Medien verheizt werden? Das könnte sein, muss aber nicht! Wenn über ihn gesprochen wird, ist nicht nur sein Niedlichkeitsfaktor Thema. “Kann Knut die Welt vor der Klimakatastrophe retten?“ fragt der Tagesspiegel aus Berlin. Knut ist auch ein
e Personifizierung des Abschmelzens der Polkappen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erklärte den Bären zum Maskottchen der Internationalen Artenschutzkonferenz 2008 in Bonn. Es liegt an uns die Botschaft des Knuts richtig zu verstehen.

        Wir sind Knut
Neben den hunderten Journalisten besuchten am ersten halben Tag 6000 Besucher den Berliner Zoo um das Tierbaby zu sehen. Mit Sicherheit haben nicht alle ausschließlich den kürzesten Weg vom Eingang zum Eisbärengehege und zurück genommen. Wenn man schon mal da ist… Seit jeher sind Tierbabys die besten Zugtiere für die Besucherzahlen der Tierparke. Dem Berliner Zoo widerfährt gerade genau das, wozu er u.a. existiert: der –meist städtischen- Bevölkerung Tiere näher zu bringen, Naturbeobachtungen zu ermöglichen, die sie sonst nicht erleben können. Und wir Nichtberliner nehmen aufgrund der modernen Medientechnik, anders als frühere Generationen, mit daran Anteil.

Allein eine mediale Instrumentalisierung von Knut wäre zu boykottieren. Ab dem Moment, wo die Medien nicht mehr nur über das berichten, was Knut macht. Wenn Knut etwas machen muss, damit die Medien etwas zu berichten haben, dann muss es heißen: abschalten!

          Doch ein Knut wirkt auch unmittelbar
30.000 Menschen besuchen ihn derzeit pro Tag und erleben ihn ohne jedes zwischengeschaltetes Medium. Wie viele werden es sein, bis Knut sein Kindchenschema abgelegt haben wird? Was wäre, wenn es keine Zoobären gäbe. Wie viele Menschen erleben eine arktische Safari um Knuts Brüder und Schwestern in freier Wildbahn zu beobachten?
Was also kann den bedrohten Eisbären besseres widerfahren, als einen Knut inmitten einer Großstadt sitzend und Massen von Menschen, die zu ihm pilgern und mit eigenen Augen sehen und von ganzen Herzen über den kleinen Gaukler in weiß lachen und erkennen: „Diese herzliche Freude, die kann ich nur erleben, weil es Eisbären gibt." Ohne diese Tiere gibt es einen Grund weniger sich zu freuen.

Hier passiert Massensensibilisierung,
letztlich auch für die Klimakatastrophe. So schrecklich wie der Orkan Kyrill uns das entrückte Klima persönlich erleben ließ, ähnlich schlägt Knut auf sympathische Art und Weise auch eine emotionale Brücke zur Thematik der Polkappenabschmelzung, zur globalen Klimaerwärmung an der auch die Menschheit Mitschuld trägt.

Knut erweißt dem Naturschutz einen Bärendienst - und das ist auch knut so! Wer von sich behaupten kann, unter den Menschen gleich viel Faszination für eine bedrohte Tierart geweckt zu haben wie Knut, der werfe den ersten Stein.